Presseberichte aus dem Jahr 2008

Unerschöpflicher und virtuoser Streicherklang
Die Cappella dei Giovani gab in Aarau, Muri und Luzern Konzerte mit dem neuen Leiter.


Vor ihrem Auftritt im Festsaal des Klosters Muri im Marianischen Saal in Luzern hatte die Cappella dei Giovani im Aarauer Kultur- und Kongresshaus am Freitag eine hinterhältige Knacknuss zu bewältigen. Die spröde Akustik des kleinen Saales richtig einzuschätzen und sowohl mit ihren Tücken fertig zu werden als auch den bedenklichen Mangel an Atmosphäre mit angemessener Klangfülle wettzumachen, erfordert viel Erfahrung und Anpassungsfähigkeit.

Dem bisher von David Schwarb betreuten, jetzt vom bulgarischen Geiger und Dirigenten Droujelub Yanakiew gleiteten Streicherensemble gelang das Kunststück, die Schwächen des Saales mit unterschiedlicher Klangstrategie zu¨überlisten. Während im eröffnenden neoklassizistischen Konzert für Streichorchester der Polin Grazina Bacewicz (1909 - 1969) eine reich differenzierte und von expressiven Soli gestützte Klanglichkeit vorherrschte, schien der Dirigent in der abschliessenden Streicherserenade op. 22 von Antonin Dvorak die einzelnen Melodiestränge zu bündeln, um mit ihrem Zusammenwirken einen kompakten, etwas weniger nuancierten Gesamtklang zu erzielen.
Nach der vorausgegangenen, hinreissend leidenschaftlichen Darstellung von Bachs Violinkonzert d-Moll, einer Rekonstruktion des verschollenen Originals mittels des Cembalokonzertes BWV 1052 in derselben Tonart, hinterliess Dvoraks kühler musiziertes Werk weniger den Eindruck einer von sommerlicher Glut erfüllten Serenade als einer spätherbstlichen Abendmusik voll matter Verhaltenheit. Die Aufmerksamkeit klanglichen Details und präzisen Einsätzen gegenüber schien hier ausserdem ein wenig nachzulassen.
Durch virtuosen Glanz und straffe Rhytmik, die selbst in raschen Akkordfolgen mit heiklen Doppelgriffen im Solopart nicht nachliess, zeichnete sich die Interpretation von Bachs Violinkonzert aus. Mit einer Stradivarius von 1717 aus der Stiftung Festival Strings Lucerne verlieh Daniel Dodds dem zwar mehrfach eingespielten, im Konzertsaal jedoch selten anzutreffenden Werk berückende Farbigkeit und erfrischenden Ausdruck.

Wie in dieser wirkungsvollen Rekonstruktion fühlten sich Droujelub Yanakiew und die Cappella dei Giovani schon in der rund 220 Jahre jüngeren Komposition von Grazyna Bacewicz ganz in ihrem Element. Die Reibungen zwischen forscher Motorik und besinnlicher Kantabilität im hochdynamischen Kopfsatz, die subtile Klangatmospähre im Andante und den musikantischen Esprit des tänzerisch inspirierten Schlusssatzes gaben sie mit einer bis zuletzt fesselnden Spannkraf wieder.

(Walter Labhart in der Aargauer Zeitung vom 8. April 2008)