Presseberichte aus dem Jahr 2006

«Cappella dei Giovani» im Glanz von Solisten
Ein Jugendorchester reflektiert das Spannungsfeld von «Vier Jahreszeiten» und «Vier Temperamente»

Es mag eine ungewöhnliche Kombination gewesen sein, dieses Programm aus Vivaldis «Vier Jahreszeiten» und Hindemiths «Vier Temperamente». Verbunden sind die beiden Werke jedoch nicht nur durch die Zahl vier, es besteht auch eine inhaltliche Verwandtschaft zwischen ihnen. Beide verarbeiten kontrastreiche Stimmungsbilder, Vivaldi wechselvolle Erscheinungen im Jahresablauf, Hindemith die Unterschiede im Charakter.

Im Konzert gelang eine sehr packende und anschauliche musikalische Umsetzung dieser Themen. Das Orchester trug dazu die Ausstrahlung eines jungen, dynamischen Klangkörpers bei, bestehend aus 18 jungen Menschen, die Musik studieren oder bereits ein Diplom erworben haben. Kaum zu fassen, dass darunter auch vier Solistinnen und Solisten sind, welche die funkelnden Passagen der Violinsoli in den «Jahreszeiten» auszuleuchten verstehen. In den «Vier Temperamenten» hatten sie mit Matthias Kipfer auf dem Flügel einen Partner, der dezidiert Akzente setzte und dem Werk ein markantes Profil gab.

«Saitensprünge» von Violinen

Vivaldi, selber ein Violinvirtuose, hat den «Vier Jahreszeiten» die Form eines Violinkonzertes gegeben. Musikalisch folgt darin einer Idee die nächste, das Orchester tritt in wechselnden Klangfarben auf, die Soli oft nur mit wenigen Instrumenten begleitend, von tosenden «Tutti» in flüsternde Pianissimos wechselnd, je nach Wetterlage der Jahreszeiten. Frühling, Sommer, Herbst und Winter hatten ihre eigenen Solisten.

Zuerst markierte Angelika Schneider mit kunstvoller Griff- und Bogentechnik das Gezwitscher der Vögel im Frühling. Ihr folgte Stephan Glaus mit dem Sommer. Man dachte schon, er werde es schwer haben mit dem von der Vorgängerin gesetzten Massstab, aber sein Gewittersturm war ein virtuoses Meisterstück. Franziska Kalt malte danach den Herbst mit weichem Bogenansatz, alle Finessen des Violinspiels in quirlenden Läufen und fulminanten Attacken in den Jagdszenen ausschöpfend. Im Winter suggerierten Dissonanzen eine klirrende Kälte, Silvia Hunziker schwelgte zum Pizzicato des Orchesters mit singender Violine, und der Sturmwind erhielt Ausdruck mit entfesseltem Bogenstrich.

In Hindemiths «Vier Temperamente» zeichnen Orchester und Klavier gemeinsam und im Wechselspiel die Charakterbilder melancholisch, sanguinisch, phlegmatisch und cholerisch; keine leichte Aufgabe, denn beide sind eng miteinander verflochten. Das Orchester gibt das Thema vor, das Klavier nimmt es auf und variiert es in vier Sätzen. Matthias Kipfer ging das Spiel mit Leichtigkeit von den Händen, ob schier endlose Triller oder kraftvolle Akkorde: Spannung war ihm nicht anzumerken.

Umso spannender war die Interpretation. Je nach Art des Temperamentes konnte sie singend und grübelnd sein, den Rhythmus betonen, die Ausbrüche des Orchesters glätten oder explosive Akzente setzen. Das «Appassionata» am Schluss wurde im Konsens mit dem Orchester so markant und ausdrucksstark intoniert, dass sich das Publikum mit begeistertem Applaus erkenntlich zeigte.

(kbb im Zofinger Tagblatt, 06.03.2006)