Presseberichte aus dem Jahr 2005

Mit Herzblut dabei - bis zum letzten Ton
Grossartiges Konzert der Cappella dei Giovani in der Alten Kirche

Man hätte noch lange zuhören können: Dirigent David Schwarb hatte mit seinen 18 jungen Musikerinnen und Musikern der Cappella dei Giovani das Programm «Von St. Petersburg nach Prag» in einer Arbeitswoche intensiv einstudiert. Das Resultat: ein originelles Konzept hervorragend interpretiert und mit ausserordentlich starkem Beifall belohnt.

Musik aus St. Petersburg

Zuerst erklangen Werke aus dem Musikzentrum St. Petersburg: Anton Arensky war ein Schüler von Rimsky-Korsakow und Lehrer von Rachmaninoff und Scriabin. Die Variationen über ein Tschaikowsky-Thema bringt die Bewunderung, die Arensky für Tschaikowsky hegte, zum Ausdruck. Die sieben Variationen über ein expressives Thema verrieten, dass Arensky über viel Fantasie und Geschick in der Instrumentierung verfügte. Das in feierlichem Schwarz spielende halbprofessionelle Ensemble legte ein ungemein gefühlvolles und farbenreiches Spiel hin und liess viel Temperament erkennen. Angefeuert wurde die Cappella dei Giovani von einem höchst kompetenten und detailbewussten Dirigenten.

Mächtig schlug das Klavierkonzert Nr. 1 in c-Moll op. 35 von Dmitri Schostakowitsch ein, ein Werk, das der Komponist selber weltweit oft vorführte. Ihm ist damit ein etwas schräges Opus gelungen, das jede Konvention sprengt. Da tummeln sich viele stilistische Elemente, nämlich Parodie, Persiflage und banale Thematik. Sogar Haydn und Beethoven werden durch Zitate gewürdigt, allerdings in verzerrter Form. Die junge Pianistin Fabienne Romer bewältigte den virtuosen Solopart mit Auszeichnung. Mal griff sie mächtig in die Tasten, mal liess sie einen zärtlichen langsamen Walzer aufklingen, mal trumpfte sie imponierend auf. Dem Trompeter Christian Brunner, der ebenfalls eine sehr überzeugende Leistung bot, blieb es vorbehalten, sich vorwiegend mit parodistischen Einwürfen und Fanfaren bemerkbar zu machen. Auch hier fiel wiederum auf, wie engagiert und diszipliniert die Cappella den anspruchsvollen Part bewältigte. Alle Mitwirkenden wurden mit Beifall überhäuft.

Melodiöses aus Prag

Antonin Dvoraks «Nocturne» op. 40 war ursprünglich Bestandteil eines Streichquartetts, das aber nie erschien. Doch dieser Satz lag dem Komponisten so sehr am Herzen, dass er es als selbstständiges Streichorchester-Werk veröffentlichte. Schwarb animierte seine Streicherschar zu einem beseelten, differenzierten Spiel, das seine Wirkung nicht verfehlte. Jedes Register konnte sich mit Solopartien hervortun.

Josef Suk, Schüler und späterer Schwiegersohn von Dvorak, gelang mit der Streicherserenade in Es-Dur op. 6 ein melodienseliges und originelles Werk, das auch auf folkioristischen Elementen beruht. Auch hier staunte man über den gepflegten, einheitlichen Streicherklang, über den Einsatz bis zum letzten Ton, über die anrührenden Soli von Silvia Hunziker und Stefan Glaus (Violinen) sowie der Cellisten Beat Sieber, David Lüthy und Simon Zinsstag zusammen mit dem Bassisten Benedikt Vonder Mühll. Und erneut spürte man, wie detail- und farbenreich die Interpretation ausfiel, mit wie viel Herzblut das Orchester spielte. Dieses hätte ein grösseres Publikum verdient. Vielleicht ist dies am 15. Oktober in der Musikhochschule Zürich und am 16. Oktober im Kultur- und Kongresshaus Aarau der Fall.

(Jürg Haller in der Aargauer Zeitung, 11.10.2005)

 

Bemerkenswerte Reise von «Wien bis Budapest» mit der Cappella dei Giovani

Für den Berichterstatter ist es jeweils ein Vergnügen, über die Konzerte der Cappella dei Giovani zu schreiben. Auch der jüngste Auftritt im Rondell der Kantonsschule bestätigte die bisherigen Eindrücke: eine exquisite Programmzusammenstellung, ein begeisterungsfähiges und hoch motiviertes Ensemble, temperamentvoll geführt durch einen souveränen Dirigenten.

Die Programmidee fusst auf der jahrhundertlangen Verbindung zwischen den beiden Hauptstädten Wien und Budapest, die nicht nur politisch und wirtschaftlich, sondern auch kulturell stark verbunden sind. Mit Haydn und Schubert kamen zwei der wichtigsten Wiener Klassiker zum Zug, mit Weiner und Veress zwei Budapester, deren Werke auf der ungarischen Folklore basieren.

Franz Schubert hat eine grosse Zahl von Tänzen geschrieben, von denen die 18 junge Musiker zählende «Cappella» fünf deutsche Tänze mit Coda und 7 Trios präsentierte. In diesen simplen Tanzstücken entdeckt man eine Vielfalt an melodischen und rhythmischen Ideen. Da sind die rasant einfahrenden Tänze, dort gemütvolle Trios. Das Ensemble behandelte das Werk mit viel Einsatz und Gestaltungsfreude. Vor lauter geballter Rasanz ging der erste Einstieg der 1. Geigen daneben; aber nachher liess die Darbietung keine Wünsche mehr offen. Mit Akribie gestaltete die Cappella die Coda, die ganz besinnlich ins Nichts entschwand.

Überzeugender Solist

Mit dem 25-jährigen Beat Sieber kam der Cello-Stimmführer der Cappella solistisch zum Zuge. Im heiter gestimmten Konzert Nr. 1 C-Dur von Joseph Haydn entpuppte er sich als temperamentvoller, souverän und technisch glanzvoll beschlagener Musiker, der mit seinem schlanken und farbenreichen Ton für betörende Partien sorgte. In den virtuosen Teilen fühlte er sich offensichtlich bestens zu Hause. Das kleine Orchester bewährte sich als aufmerksamer Begleiter, der in den Satzeinleitungen schöne Akzente setzte. Das Publikum war hingerissen und entlockte dem Solisten eine Zugabe, einen Satz aus der Bach-Solosuite Nummer 3.

Temperamentvoll und feinfühlig

Stark gefeiert wurde die Cappella nach der Vorstellung des Divertimentos für Streichorchester opus 20 des 1960 verstorbenen Leo Weiner. Der Fünfsätzer fusst auf alten ungarischen Tänzen voll Spiellust und Kolorit. Nicht nur das Ensemble legte sich mächtig in die Saiten, sondern auch die Cappella-Konzertmeisterin Silvia Hunziker brillierte mit mitreissenden und berückenden Soloeinlagen. Da verwandelte sich die Cappella in ein veritables Zigeunerorchester.

In den «Vier transsylvanischen Tänzen» von Sandor Veress, gestorben 1972, entwickelte dieser eine zwar in der ungarischen Musik verwurzelte, aber doch übernationale Sprache. Das teilweise atonale Werk erlebte seine Uraufführung 1950 durch das Basler Kammerorchester unter der Leitung von Paul Sacher. Die Cappella dei Giovani realisierte die klanglich und auch atmosphärisch vielschichtige Musik mit viel Temperament und feinem Empfinden. […]

(Jürg Haller in der Aargauer Zeitung, 15.02.2005)