Presseberichte aus dem Jahr 2004

Auf dem Weg nach oben
Aussergewöhnliches Konzert der Cappella dei Giovani

Ein hoch begabter Dirigent mit einer Spürnase für eine spezielle Programmierung und ein motiviertes und bestens disponiertes Ensemble - was braucht es mehr zu einem grossen Erfolg. David Schwarb und seine «Cappella dei Giovani» waren die Garanten dafür.

Zahlreiche Musikfreunde harrten im Rondell der Kantonsschule der Dinge, die da kommen würden. Beim Lesen des Programms unter dem Titel «Ein anderes Gesicht Wiens» kam Spannung auf: Namen wie Rott, Monn und Fuchs waren den meisten unbekannt, und Webern ist ein Komponist, der mit der Tradition gebrochen hat. Von einem traditionellen Neujahrskonzert mit Strauss-Walzern konnte also keine Rede sein. Vielmehr machte sich das Publikum auf einige Überraschungen gefasst.

Es begann gleich mit einer kleinen Sensation: Dank einem glücklichen Zufall konnte David Schwarb die Uraufführungsrechte für die As-dur-Sinfonie von Hans Rott (1858-1884), einem Studienkollegen Gustav Mahlers, erwerben. So erklang dieses Werk, das etwa 1875 als Studienarbeit entstanden war, erstmals auf der jüngsten Aargauer Tournee der «Cappella de Giovani». Dank dem vitalen und dynamisch intensiv ausgearbeiteten Spiel des rund 20-köpfigen Streicherensembles erlebten die Zuhörer eine freudige Überraschung. Zwar waren da und dort Spuren des Kompositionsunterrichts herauszuhören, aber auch einige sehr originelle Ideen. Kompakt und souverän kam der erste Satz daher. Sehr gefühlvoll erklang das Grave e largo, wobei die dreifach geteilten Geigen ein berückendes Klangbild boten. Voll Witz und Ideenreichtum war das Scherzo, das mit jugendlicher Verve vorgetragen wurde. Schwarb war wie immer der grosse Animator, der seine Musiker sicher im Griff hatte.

Eine zweite Überraschung erlebte man mit dem g-moll-Cellokonzert von Georg Matthias Monn (1717-1750), das erst in jüngster Zeit wieder gespielt wird. Das aus der Übergangszeit zwischen Barock und Klassik stammende Konzert erlebte eine eindrückliche Wiedergabe durch den in Aarau aufgewachsenen Solisten Daniel Schaerer, der in Genf in der Solistenklasse von Frangois Guye studiert, als Zuzüger im Orchestre de la Suisse Romande spielt und in den letzten Jahren etliche Preise erhielt. Er bewies bei seinem Wohler Auftritt, dass er einen hohen Standard erreicht hat. Er bestritt das Monn-Konzert mit grosser Technik und einfühlsamem Gestaltungsvermögen. Er und das ihn höchst aufmerksam begleitende Orchester wurden herzlich gefeiert.

Mit grosser Sensibilität interpretierte die Cappella die Fünf Sätze für Streichorchester op. 5 von Anton Webem aus dem Jahre 1909, in denen der Komponist von jeglichen Bezügen zur Tonalität abwich. Die kurzen Stimmungsbilder profitierten vom differenziert agierenden Orchester und den Solisten Maja Hunziker (Violine), Katja Prieto (Viola) und Matthias Iff (Cello).

Auch das Schlussstück des attraktiven Programms stammte aus Wien, nämlich von Brahms-Freund Robert Fuchs, von dem die Streicherserenade Nr. 1 in D-Dur op. 9 zu hören war. Hier konnte man sich von der schweren Webern-Kost entspannen, man konnte sich sogar kurz an Walzerklängen erfreuen. Die Cappella servierte die wohlklingende, leicht beschwingt daherkommende Komposition mit unvermindertem Einsatz und Einfühlungsvermögen und erhielt viel Beifall. Sie befindet sich eindeutig auf dem Weg nach oben.

(Jürg Haller in der Aargauer Zeitung, 06.01.2004)